An einem Strang ziehen?

Für viele Wirtschaftsunternehmen gilt die Devise – „Alle müssen an einem Strang ziehen“.

Gilt das für die Gemeinde Jesu auch? Flüchtig betrachtet könnte man die Frage eifrig bejahen. Ist doch logisch oder?

Wenn alle an einem Strang ziehen, müsste das eine unwiderstehliche Kraft entfalten, die garantiert, dass es mit der Gemeinde voran geht. Gemäß dem Motto, wenn zwei ziehen, verdoppelt sich die Kraft.

Der französische Ingenieur Maximilian Ringelmann (um 1900) wollte das mit zwei Zugpferden testen. Ausgehend von der Annahme, dass bei einem Einsatz zweier Zugpferde sich die Zugkraft verdoppeln müsste, war er vom tatsächlichen Ergebnis erstaunt. Die Zugkraft, die er maß, war bei weitem nicht doppelt so hoch. Der gleiche Effekt tritt ein, wenn mehrere Männer an einem Seil ziehen. Je mehr Männer beteiligt sind, verringert sich der Krafteinsatz des einzelnen Mannes.

Helfen hier vielleicht psychologische Erklärungsmuster? Eventuell liegt es ja unter anderem an folgendem Gedanken: Wenn andere ziehen, dann muss ich ja nicht meine volle Kraft ausschöpfen. Im Übrigen liegt hierin die Schwäche aller Teamarbeit. Nicht unbedingt lässt sich jeder eines Teams durch den Appell motivieren, es mögen doch alle an einem Strang ziehen. Denn das Ergebnis spiegelt ja nicht unbedingt den Leistungseinsatz jedes einzelnen Mitglieds wider. Im Gegenteil, die Gefahr ist groß, dass sich gegebenenfalls sogar andere mit fremden Federn schmücken. Darin liegt das hohe Risikopotenzial einer solchen Motivationsstrategie. Und im Übrigen, viel zu lange wurde in Gemeinden versucht, gemäß des zitierten Mottos, durch angestrengtes „Mitziehen“ Gemeinde zu bauen.

In der Bibel findet das allerdings keine Grundlage. Vielmehr heißt es in Römer 8,14 „ Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder“.

Das heißt doch, Gott ist der Impulsgeber für die Mitarbeit von Menschen, die eine lebendige Beziehung zu Jesus Christus haben. Der Apostel Paulus vergleicht deshalb die Gemeinde Jesu bekannter Weise mit einem menschlichen Körper (1. Korinther 12), der ja genauso funktioniert. Jedes Organ, jeder Finger, jede Fußzehe reagiert nur auf die Impulse, die das Gehirn gibt.

Im Gegenteil, verselbstständigen sich Körperfunktionen und beginnen unabhängig von den Impulsen des Gehirns zu arbeiten, dann nehmen wir Menschen das als Krankheit war, was es ja schließlich auch ist. Die Gemeinde Jesu ist ein viel zu filigranes Gebilde, als dass ihr das Bild des Ziehens an einem Seil gerecht würde.

Ist es doch bei dem menschlichen Körper so: Wenn die Hand schreibt, dann schreibt das Auge nicht mit, vielmehr unterstützt es kontrollierend und korrigierend die Hand, damit sie auf der Linie bleibt und am Ende des Blattes Papier eine neue Zeile in Angriff nimmt. Darin ist das Auge unersetzlich. Die Hand kann wunderbare Linien auf das Papier zaubern, aber die Funktion des Auges ersetzen, kann sie nicht. Alle Bewegungsimpulse von Hand und Auge aber werden vom Gehirn gegeben.

Das ist ein wunderbares Bild dafür, worin die Dynamik einer lebendigen Gemeinde besteht.

Der Impulsgeber für jegliche Mitarbeit in der Gemeinde ist Jesus. Er verteilt die Gaben, die für den Bau der Gemeinde notwendig sind. Das einzelne Gemeindeglied empfängt diese Gaben und setzt sie in der Gemeinde ein.

Damit das gelingen kann, braucht es aber einige Einsichten und Voraussetzungen:

1. Die Gemeindeleitung muss dafür Sorge tragen, dass Gemeindeglieder ihre unterschiedlichen Begabungen in die Gemeinde einbringen können.

2. Jeder Nachfolger und jede Nachfolgerin Jesu hat von Gott für den Bau der Gemeinde Gaben geschenkt bekommen. Es ist die Herausforderung sie kennen zu lernen und sie mutig durch Mitarbeit der Gemeinde zur Verfügung zu stellen.

3. Alle Mitarbeiter in der Gemeinde Jesu motiviert sich aus den Impulsen unseres Herrn (eigene Bibellese, Gebet, Gottesdienstbesuch, Gemeinschaft mit anderen Christen).

4. Wir müssen erkennen, wo uns der Zeitgeist vorgaukelt, wir würden für unser Leben durch ausufernden Individualismus mehr nachhaltige Lebensqualität abgewinnen können. Unsere Prioritäten, die wir im Lebensetzen, sollten wir immer auch vor Gott und den Menschen prüfen.

5. Jedes Gemeindeglied ist dazu berufen auch andere Gemeindeglieder in ihrer Begabung zu entdecken, zu fördern und zu ermutigen.

Ich staune immer wieder, wie Gott sich Gemeinde gedacht hat. Unsere Aufgabe ist es, seine Gedanken nachzudenken und in die Praxis umzusetzen. Dann wird Gemeinde auch wachsen, da bin ich mir ganz sicher.

Volkmar Günther